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12.12.2017

Frühe Einschulung

In Europa werden Kinder mit fünf Jahren (z.B. Großbritannien und Frankreich) mit sechs Jahren (in den meisten Ländern) oder mit sieben Jahren (z.B. Finnland, Russland) eingeschult. Wenn Kinder mit fünf eingeschult werden, müssen die Erzieherinnen im letzten Kindergartenjahr und die Lehrerinnen im ersten Schuljahr anders mit ihnen umgehen als wenn sie mit sieben eingeschult werden. Die Erzieherinnen und die Lehrerinnen sind dafür in ihren Ländern ausgebildet und können damit umgehen.

Unabhängig davon gibt es in jedem Land Kinder, die zum Zeitpunkt der Einschulung auf Grund ihres Alters und ihrer gesamten Entwicklung ‚genau richtig’ sind – das ist immer die Mehrzahl -, einige sind noch nicht so weit, andere sind wesentlich weiter in ihrer Entwicklung als es ihrem biologischen Alter, ihrem ‚Entstehungsdatum’ entspricht. Das bedeutet, dass völlig unabhängig vom jeweiligen Einschulungsalter bei einem Teil der Kinder darüber nachgedacht werden muss, ob mit dem Schulbeginn gewartet wird oder ob früher als dem Durchschnitt entsprechend eingeschult wird.

Für hochbegabte Kinder, insbesondere für hochbegabte Mädchen, ist eine frühe Einschulung eher richtig. Trotzdem lässt sich das nicht pauschal an gemessenen Fähigkeiten oder gar an einem IQ fest machen, es müssen Einzelentscheidungen getroffen werden.

Falls die Kooperation zwischen dem Kindergarten und der Grundschule gut funktioniert und das Kind sich im Kindergarten wohl fühlt, spricht nichts gegen eine spätere Einschulung, wenn es zum Überspringen der ersten Klasse eine positive Einstellung an der Schule gibt und es bei Bedarf sehr schnell in die Wege geleitet wird.

Die Erlasse der Bundesländer zur frühen Einschulung finden sich hier.

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Zwei sehr unterschiedliche Artikel zur frühen Einschulung

Der Tagesspiegel 13.1.2015

Wann kommt mein Kind in die Schule? - Die Früheinschulung wird in Berlin abgeschafft

Zusammenfassung

Die Berliner Koalition stellte das Ende der Früheinschulung ab Sommer 2017 in Aussicht.

Jahrgang 2009

Kinder, die zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember 2009 geboren wurden, müssen 2015 eingeschult werden. Das alte Schulgesetz wurde allerdings immer mehr abgeschwächt. Zuletzt genügte ein Kreuz auf dem Einschulungsbogen in Verbindung mit einem Gutachten der Kita und des Schularztes oder Schulpsychologen. Dadurch stieg die Quote der Rückstellungen auf 16 Prozent. Vor allem Kinder, die bei der Einschulung noch fünf waren, wurden von den Eltern in der Kita gelassen.

(…)

Jahrgang 2011

Für diese Kinder gilt das neue  Gesetz, auf das die Koalition zusteuert. Das bedeutet, dass nur jene Kinder 2017 schulpflichtig werden, die vor dem 30. September 2011 geboren wurden. Die anderen müssen erst 2018 zur Schule. Allerdings wird es möglich sein, eine frühe Einschulung zu beantragen, wenn man davon überzeugt ist, dass das eigene Kind dem Schulalltag schon gewachsen ist.

REAKTIONEN

Die Verschiebung der Schulpflicht war seit Jahren gefordert worden - zunächst von Kinderärzten und Lehrern, dann zunehmend auch von Eltern und den Grünen. Die CDU schloss sich 2014 dieser Forderung an. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) lockerte zwar die Möglichkeiten für eine Rückstellung, wollte aber die von ihrem Vorvorgänger Klaus Böger (SPD) eingeführte frühe Schulpflicht beibehalten. Ihre Parteifreunde entschieden letztlich anders. "Für uns steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass Aufstieg durch Bildung für alle Kinder möglich ist. Der Elternwillen wird gestärkt, die Eltern können jetzt selbst entscheiden, ob sie ihr Kind später einschulen wollen," lobte SPD-Fraktionschef Raed Saleh den Koalitionskompromiss ebenso wie' Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey.

Die Sozialdemokratin hatte seit langem eine Reform gefordert, weil bei früher Schulpflicht "die Nachteile eindeutig überwogen". Als Beispiel führte sie die gestiegene Zahl der Verweiler in der Schulanfangsphase an. Ebenso wie die GEW und Landeselternsprecher Norman Heise forderte sie, die Kita besser für den Übergang zur Schule zu rüsten. Heise bedauerte die Verschiebung der Schulpflicht: Aus seiner Sicht hätte es gereicht, den Eltern die volle Wahlfreiheit bei den Rückstellungen zu lassen, ohne die gesetzliche Schulpflicht hinauszuschieben.

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Weser Kurier 20.02.2015

Schadet späte Einschulung? - Wissenschaftler vergleichen Leistungen von Achtjährigen

Bochum. Kinder, die bei der verpflichtenden Einschulungsuntersuchung schlecht abschneiden, dürfen häufig erst ein Jahr später mit der Schule anfangen. Eine im „Journal of Developmental Medicine and Child Neurology“ veröffentlichte Studie legt nahe, dass dies nicht zu besseren Schulleistungen führt. Die Forscher um die Entwicklungspsychologin Julia Jäkel von der Universität Bochum und Professor Dieter Wolke von der University of Warwick berufen sich dabei auf Ergebnisse von standardisierten Tests in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen und Aufmerksamkeit, die im Alter von acht Jahren durchgeführt wurden.

Der Mangel an Lernerfahrung habe sich bei den später eingeschulten Kindern in durchschnittlich schlechteren Leistungen bemerkbar gemacht, erläutert Julia Jäkel und fügt hinzu: „Wir brauchen nun mehr Studien, die die Langzeiteffekte der verspäteten Einschulung untersuchen. Unsere Ergebnisse sollten Eltern und Lehrern aber zu denken geben.“ Die Grundlagen der Studie lieferten Daten zu rund 1000 Kindern, die im Rahmen einer bayrischen Untersuchung gesammelt worden waren. Die Kinder mussten testen lassen, ob sie schultauglich sind. Dies geschah drei bis zwölf Monate vor dem altersgemäßen Schuleintrittsdatum durch einen Kinderarzt.

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Wie sollen Eltern mit so unterschiedlichen Haltungen umgehen?

Wenn es starre Einschulungstermine gibt, unabhängig davon, ob mit fünf wie in Großbritannien oder mit sieben wie in Finnland eingeschult wird, dann gibt es immer Kinder, die noch nicht so weit oder schon weiter als der Durchschnitt sind. Das bedeutet, dass der Einschulungstermin für jedes Kind individuell entschieden werden muss. Keinesfalls sollte die Entscheidung darüber in erster Linie am 'Entstehungsdatum' festgemacht werden.

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Auch in anderen Ländern haben Eltern manchmal Probleme, wenn die Einschulung starr nach ‘Entstehungsdatum’ des Kindes geregelt wird. Hier ist ein Beispiel aus England:

The Guardian online, 2.6.2015

Too much, too young for summer-born children forced into 'big school'

Zusammenfassung

In England werden Kinder, die bis zum 31. August 5 Jahre alt geworden sind, im September eingeschult, entweder regulär in eine 1. Klasse oder in eine ‚reception class’, eine ‚Empfangsklasse’. Allerdings gehen die Schulbezirke sehr unterschiedlich damit um, wenn Eltern den Antrag stellen, dass ihr Kind erst mal eine ‚reception class’ besucht.

Cian wird am 30. August 5 Jahre alt. Aber er hat Entwicklungsrückstände. Der Antrag der Eltern auf Besuch der ‚reception class’ wurde abgelehnt. Im 1. Schuljahr wird er mit Kindern zusammen sein, die schon ganze Sätze schreiben, Cian kann noch nicht seinen Namen schreiben.

Die Familie meint, sie seinen Opfer eines weit verbreiteten Problems – dass Kindern, die im Sommer geboren wurden, die Flexibilität versagt wird, die es laut den Regelungen der Regierung eigentlich geben sollte.

Tom wurde am 28. August geboren. Als er eingeschult wurde, konnte er sich noch nicht selber anziehen. Er wurde formal ins 1. Schuljahr eingeschult, durfte aber den Unterricht mit den Kindern in der ‚reception class’ machen. Die neue Schulleiterin bestand aber Ende des Schuljahres darauf, dass er die 2. Klasse besuchen müsste. Tom weinte jeden Morgen und weigerte sich, in seine Klasse zugehen. Er hatte Alpträume und litt an Kopfschmerzen. In der Pause musste er in der Klasse bleiben, weil er in der Schulstunde keine drei Sätze geschrieben hatte. Als er in der 4. Klasse war, beschlossen die Eltern, ihn aus der Schule zu nehmen und ihn zu Hause zu unterrichten (Hausunterricht ist in England erlaubt).

Manche Eltern haben das Gefühl, dass es eine Postleitzahlenlotterie gibt: Manche Bezirke sind flexibler als andere.

Hier ist der ganze Artikel, leider nur auf Englisch:

http://www.theguardian.com/education/2015/jun/02/summer-born-children-primary-school-age




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Tagungen und Vorträge


22nd World Conference on Gifted and Talented Children (WCGTC)
"Global Perspectives in Gifted Education"

20-23 July 2017
Sydney, Australia

http://www.worldgifted2017.com

16th ECHA Conference 2018
Working with Gifted Students in the 21st Century
8-11 August 2018
Croke Park
Dublin
Ireland
www.echa2018.info

Carla und Tim sind hochbegabt - was nun?
Eintägiger Kurs an der VHS Bremen
25. März 2017

University of the 3rd Age-  u3a
Lecture
Gifted Children - from Ealing to Germany
18th May 2917
London - Ealing
http://u3asites.org.uk/ealing